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28. November 2004 (Fassung 2.12.2004)

China trifft Europa - Motivation und Folgen für die Weltwirtschaft


Wir haben kürzlich die Hamburg Summit besucht, einem Forum führender Unternehmer und Politiker aus China und Europa. Wir waren an dem Thema sehr interessiert, da wir daran interessiert sind, wie die Weltwirtschaft von den Zielen und Herausforderungen Chinas beinflusst wird.

Die erweiterte Europäische Union ist nun der grösste Wirtschaftsraum der Welt, auch wenn es keine homogene Region ist. Dies ist China nicht entgangen. Wichtiger jedoch, China ist sich des fragilen, ausgelaugten US Verbrauchers bewusst und sucht dringend nach Wegen, sich von der US Wirtschaft weg zu diversifizieren. Sprich, China sucht neue Vertriebskanäle für seine Güter.

Die grosse chinesische Delegation aus Politik und Wirtschaft strahlte Energie und Optimismus aus. Wohlwissend, dass China nachgesagt wird, es sei massgebend an der Explosion der Rohstoffpreise beteiligt, betonte der Vizepremier Chinas Zeng Peiyan, sein Land hätte nur einen 5% Weltanteil am Ölverbrauch (China stützt sich derzeit noch vorwiegend auf heimische Kohle; er erwähnte nicht, dass China letztes Jahr 40% der Weltzementproduktion für sich beansprucht hatte, sowie über 20% u.a. vom gehandelten Aluminium, Zink, Stahl, Eisen). Anwesende chinesische Unternehmer waren überzeugt davon, dass China seinen stetigen Wachstumskurs fortsetzen könne und dabei die anstehende Herausforderungen meistern werde.

Einer der Höhepunkte der Konferenz war der Beitrag von Lee Kuan Yew, Minister Mentor von Singapore, der Einblick gab, wie ein kleines asiatisches Land wie das seine im brutalen Wettbewerb überlebt und gedeiht durch Innovation und Flexibilität. Als er gefragt wurde, welchen Rat er Deutschland geben könnte, gab er u.a. das Beispiel, dass Singapore jedes Jahr führende Gewerkschafter auf eine Tour von Fabriken in Indien und China einlädt -- dies sei sehr effektiv, um deren Forderungen zu zähmen.

Inhalt vieler Beiträge war, dass China weiterhin wirtschaftliche Überlegungen politischen Interessen unterordnet. Soziale Stabilität hat oberste Priorität; dies bedeutet, dass Arbeitsplätze wichtiger als Profitabilität oder etwa die Stabilität des Bankwesens sind (China muss jedes Jahr für 15-12 Millionen Leute Jobs finden). Gestärkt durch den erfolgreichen Reformkurs der letzten Jahrzehnte, ist die Chinesische Führung davon überzeugt, dass sie ihr Land mit einer starken Hand führen können, und bestimmen können, welche Sektoren gefördert oder gebremst werden sollen.

Als Zeng Peiyan gefragt wurde, ob China weiterhin seine Währung an den Dollar binden werde, stellte er die Gegenfrage, warum Europa nicht mehr unternehme, seine Währung stabil zu halten. Er betonte, China wäre höchst verantwortlich im Umgang mit seiner Währung, was sie während der Asienkrise 1997 bewiesen hätten.

Der wesentliche Nebeneffekt des chinesischen Wirtschaftsmodells ist, dass es zu ineffizienten Zuordnungen von Kapital kommt. Schon mehrfach haben wir davon berichtet, dass China auf Grund des 'subventionierten' Wechselkurses einer heimischen Überproduktion ausgesetzt ist. Durch die Überproduktion werden die Margen von US Firmen gedrückt (auch durch andere asiatische Länder, die "wettbewerbsfähige" Wechselkurse anstreben): einerseits durch hohe Preise bei begrenztem Bestand von Rohstoffen, andererseits durch die von den Importen verursachten tiefen Verbraucherpreise. In den USA haben vor Ort produzierende Firmen nur noch die Wahl, Arbeitsplätze als einzig kontrollierbaren "variables" Kosten zu kürzen, und die Verlagerung von Jobs nach China und anderen Niedriglohnländern zu beschleunigen.

Auch wenn China ähnlichen Druck auf seine Margen hat, so hat China einen unbegrenzten Pool von billigen Arbeitern; ausserdem, wie bereits erwähnt, steht Profitabilität hinter politischen Interessen. In den USA setzt die Regierung auf die Flexibilität der Gesellschaft, der Transformation zur Dienstleistungsgesellschaft. Was dabei jedoch übersehen wird, ist, dass auch der Dienstleistungssektor abwandert - nicht so sehr nach China, aber nach Indien und andere noch günstigere Länder wie etwa die Philipinen. Die Transformation ist durch die von den USA und anderen Ländern geförderten globalen Ungleichgewichte stark beschleunigt.

Es ist nicht fair, allein China für die hohen Rohstoffpreise verantwortlich zu machen. China hat kürzlich den USA gesagt, sie sollen ihr eigenes Haus in Ordnung bringen (das doppelte Defizit, die tiefe Sparquote der Bevölkerung). In der Tat ist die US Wirtschaft etwa 9 mal grösser als die von China, und die USA haben Konsumwachstum die letzten Jahre um jeden Preis gefördert; vielleicht sollte man besser sagen, zu einem sehr tiefen Preis, da durch die künstlich tief gehaltenen Zinsen der letzten Jahre Privatschulden und Immobilienpreise in die Stratosphäre geschickt wurden (bei hohen Immobilienpreisen können höhere Hypotheken aufgenommen werden, und das Geld wird wiederum im Konsum verprasst). Dies verursacht enorme Risiken in der US Wirtschaft, falls Zinsen ansteigen und Einkommen nicht Schritt halten können. Wie wir oben geschildert haben, so wird die Spirale des "Outsourcings" dafür sorgen, dass Einkommen mit der sich im System immer weiter durchsickernden Inflation nicht mithalten können. Ein Faktor, der das Outsourcing vielleicht etwas bremsen wird sind die steigenden Rohstoffpreise: wenn Rohstoffe teurer werden, so reduziert sich der Stellenwert der Lohnkosten am Endprodukt.

China muss sich vom US Verbraucher weg-diversifizieren. Dies kann durch Stimulierung des Konsums in China, durch Förderung des innerasiatischen Handels, oder durch die Erschliessung neuer Vertriebskanäle in Europa geschehen.
Chinas Verbraucher hat die höchste Sparquote in der Welt; die Anzahl der Leute, die Geld ausgeben können wächst rapide - allein die absolute Bevölkerungszahl macht aus China einen sehr attraktiven Absatzmarkt.
Der innerasiatische Handel nimmt rasch zu - während China eine enorme positive Handelsbilanz mit den USA hat, so ist Chinas Handelsbilanz relativ flach, da es ein relativ rohstoffarmes Land ist, und diese von asiatischen Nachbarn importiert. Es wird noch einige Zeit dauern, bevor der innerasiatische Handel als Buffer gegenüber etwaiger Schocks in den USA dienen kann.
Schliesslich ist China sehr an einer engeren Beziehung mit Europa interessiert, dem Fokus der Konferenz. Ein grosser Unterschied gegenüber den USA ist, dass die Europäer nicht an einem ausschliesslich auf Preis ausgerichteten Wettbewerb interessiert sind. Greenspan und Bush vertreten die Meinung, dass nur der Preis ausschlaggebend ist, da sonst ein Handelskrieg entstehen könnte, wenn andere Interessen berücksichtigt werden. Europa, auf der anderen Seite, ist sich der Kosten z.B. seiner Umweltpolitik und Arbeitnehmerrechte bewusst. Genauso wie China zunächst seine eigenen Interessen verfolgt, so ist Europa nicht an der "beschleunigten Transformation" interessiert, wie diese in den USA geschieht. Nachdem Europa viel Erfahrung mit ökologisch freundlichen Technologien hat, sie Europa dies als Exportchance.

Lance Browne, Chairman der Standard Chartered Bank China, gab ein sehr realistisches Bild des Chinesischen Bankensystems, sowie der politischen Dynamik, die für die schlechten Standards bei der Kreditvergabe verantwortlich sind. Ein Nebeneffekt des schwachen Bankensektors ist, dass es für ausländische Banken sehr schwierig ist mitzustreiten, da diese nicht auf Subventionen der Regierung zählen können. Unserer Meinung nach sollte die chinesische Regierung ihren derzeitigen Versuch zur Abschwächung der Wirtschaft dazu nutzen, aktiver bei der Sanierung der Banken zu sein. Die Probleme werden nur grösser werden, und China muss mit anderen Ländern mitstreiten, die robustere Kreditwesen haben.

Wir beginnen eine neue Phase in der Entwicklung der globalen Ungleichgewichte. Bushs Wiederwahl garantieren eine Fortsetzung der bestehenden Wirtschaftspolitik. China ist sich nicht nur der steigernden Inflation bewusst, das Land hat begonnen, etwas dagegen zu unternehmen. In den USA baut sich Inflation in der Produktionskette schnell auf. Probleme werden sich häufen - sei es nur etwas vernachlässigtes wie die Engpässe an US Häfen, wo veraltete Gewerkschaftsrichtlinien die Kapazitäten erschöpft haben (Wal-Mart hat z.B. dieses Jahr 3 Monate früher mit seinen Importen für die Weihnachtssaison begonnen, und das "just-in-time" Produktionssystem muss von Firmen aufgegeben werden, da der Transportsektor mit der Flut von Importen nicht mehr zurecht kommt). Die US Wahl war ein Katalyst zur Dollarabwertung, und Gold hat die $450 Marke pro Feinunze überschritten.

Insbesonders viele deutsche Unternehmer nahmen an der Konferenz Teil - in einer Zeit, in der vor allem Pessimismus in der deutschen Presse verbreitet wird, war es sehr erfrischend, erfolgreiche deutsche zu treffen und mit diesen zu reden. China's Wachstum wird sich fortsetzen, auch wenn wir ein paar Holpersteine auf dem Weg sehen. Der für seine unabhängigen Meinungen bekannte Analyst Marc Faber verwies während einer seiner sehr engagierten Präsentationen darauf, dass es die Finanzgeschichte in ähnlichen Situationen (z.B. während des Aufkommens der USA im 19. und frühen 20. Jahrhunderts) gezeigt hat, dass die Weltwirtschaft durchaus grösseren Schocks ausgesetzt sein kann, aber China am Ende des Weges dennoch als wirtschaftliche Grossmacht herausragt.



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Axel Merk
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